Wie der Staat mordet

Text eines Aktivisten des Hambacher Forstes:

Wie der Staat mordet –
heute vor einem Jahr am 19. September 2018 meinen Mitstreiter Sonne im Hambacher Forst

*Triggerwarning: Dieser Text ist sehr emotional und enthält etliche Schilderungen von Gewalttaten.

Täglich werden Menschen durch den Staat ermordet. Strukturell, psychisch und physisch. Drei Formen, die sich gegenseitig bedingen, sich nicht voneinander trennen lassen.

Oury Jalloh wurde am 7.Januar 2005 in einer Zelle in einem Polizeirevier in Dessau verbrannt. Alexis Grigoropoulos wurde am 6. Dezember 2008 in Exarchia (Athen) von der Staatsmacht erschossen. Benno Ohnesorg wurde am 2.Juni 1967 in Berlin erschossen.
Drei physische, dadurch offensichtlich und klar erkennbare Morde durch den Staat. Strukturelle und phsychische Morde hingegen verschwinden hinter dem Nebel der Zensur und Manipulation des Staates. Meistens werden Morde nicht erwähnt und dort, wo sie öffentlich werden, ist nur von tragischen Einzel- und tragischen Unfällen die Rede. Von Mord sprechen die Wenigsten.

Fast täglich ertrinken Geflüchtete aufgrund der europäischen Abschottungspolitik im Mittelmeer. Staatliche Seenotrettungsprogramme wurden eingestellt, private Initiativen werden kriminalisiert. Die Menschen ertrinken, weil ihnen nicht geholfen wird. Das ist Mord. Erwerbslose, haben sich teilweise direkt vor Jobcentern das Leben genommen, weil sie keinen anderen Ausweg aus der schikanösen, demütigenden Bürokratie gesehen haben. Sie wurden psychisch und strukturell umgebracht.
Als weitere Gruppe möchte ich die Klimatoten erwähnen, zumeist ärmere Menschen, die weltweit aufgrund der Umweltzerstörumg verdursten,verhungern, ersticken… Auch sie werden täglich umgebracht.

Strukturelle und psychische Morde sind zwar unsichtbar im Vergleich zu den physischen, aber dadurch nicht weniger schlimm. Es ist wichtig diese als solche zu benennen und sichtbar zu machen. Deshalb widme ich diesen Text Sonne, der am 19. September 2018 im besetzten Hambacher Forst ermordet wurde. Ich schreibe speziell über ihn, da ich als ehemaliger Bewohner des Hambacher Forstes, eine tiefe emotionale Nähe zu ihm verspüre. Es hätte ebensogut mich treffen können, aber dazu später mehr. Sonne, einigen unter seinem bürgerlichen Namen Steffen Meyn bekannt war Aktivist, Blogger, Journalist und Student an der Kunsthochschule für Medien in Köln und Teil der Bürgerbewegung im Hambacher Forst. Er schrieb gerade an seiner Projektarbeit „Facetten des Widerstands – Teil1 Hambacher Forst“ und war an seinem Wohnort Leverkusen zuletzt als Regisseur am Jungen Theater tätig. In seinen letzten Tagen berichtete er über die Räumung der Besetzung. Da die Pozilei eine Berichterstattung auf dem Waldboden verhinderte, musste Sonne auf die Bäume klettern. Dies machte er auch nochmal in einem seiner letzten Beiträge deutlich. Sie hatten kein Interesse an der Veröffentlichung ihrer Gräueltaten während der Räumung. Und davon gab es einige:


An der Tankstelle in Buir (Nachbardorf der Besetzung) bedrohten Polizist*innen Besetzer – und Unterstützer*innen bereits im Vorfeld der Räumung mit Schusswaffen! In den darauffolgenden Tagen wurde ein interessierter Mensch aus der Umgebung ebenfalls mit einer Waffe bedroht. In einer anderen Situation wehrten sich Aktivisti mit Steinen und Zwillen gegen die Staatsgewalt, die in den Wald kommen wollten. Als einer der Polizist*innen zu Fall kam, gab ein Kollege einen Warnschuss ab und rief: „Kommt doch!“ Das wird hoffentlich auch irgendwann passieren, Kollege. Wenn genug Mut, Leidenschaft für Freiheit, tiefe Freundschaften und der Wille zum revolutionären Bruch zusammenkommen. Während der Räumung wurde das Sondereinsatzkommando (SEK) eingesetzt, das Baumhausbewohner*innen mit Maschinenpistolen im Anschlag räumte. Hinzu kam.dass mehrmals wichtige Traversen (Verbindungsseile zwischen zwei Bäumen) gekappt wurden, obwohl sich Menschen darauf befanden. Diese konnten sich nur mit viel Glück retten und so dem sicheren Tod entrinnen. Außerdem fuhren die Autoritäten über einen Tunnel mit schwerem Gerät, obwohl sich darin zwei Besetzer*innen befanden und riskierten so dessen Einsturz.

Diese krassen Ereignisse erzeugten in mir eine unglaubliche Lebensangst. Ironischerweise, wenn ich bedenke, das ich in der Zeit vor den Plünderungen und riots in Hamburg während des G20 oft Selbstmordgedanken und generell eine geringe Lebenslust hatte. Aber sowohl G20 als auch danach das Leben in der Besetzung haben mir gezeigt, dass ich mit meinem Drang nach Freiheit nicht alleine bin. Es gibt viele schöne Menschen, die kein Bock mehr auf die emotionskalte Scheiße haben. Wir müssen nur zusammen finden, dann sieht‘s schlecht aus für alle Autoritäten! Und jetzt, wo die Lebenslust wieder in mir erblüht ist, kommt die Exekutive des Staates und zeigt deutlich, dass sie uns nicht nur schlagen, treten und einsperren können. Nein, sie können uns auch einfach umbringen!

Darauf war ich mental überhaupt nicht vorbereitet. Mit Knast hatte ich mich viel auseinandergesetzt, aber dass die mich auch umbringen können, hatte ich so nicht bewusst bedacht. Auch, wenn bei G20 bereits das SEK die Schanze mit Schießbefehl geräumt hatte, war die Situation im Hambi für mich emotionaler und gefühlt viel näher. Schließlich war der Hambi mein Zuhause und überall liefen die Marionetten des Staates und RWE-Securities und -Arbeiter*innen herum, die das, was wir uns monatelang aufgebaut hatten innerhalb von Sekunden mit ihren großen Maschinen zerstörten. Zudem fühlte ich mich durch die tagelange Belagerung der Besetzung gefangen in einem großen Kessel. Das Rein- und Rausgehen war mit unglaublichem Stress verbunden: Entweder Polizeikontrollen oder irgendwie daran vorbei durch das Feld kriechen. Der sogenannte Ausnahmezustand wurde verhängt. Der lebendige, vielfältige Ort drohte unter dem Stumpfsinn der Macht zu versinken. Zum Glück gab es vielfältige, auch militante Gegenwehr und Solidarität für die Gefangenen, die diesen Ort gerettet hat. Besetzer*innen, die das herausgeschrien haben, was ich gedacht hab: ihr versteht gar nicht was der Wald bedeutet, ihr seid so in eurem toten Dasein gefangen, handelt wie Roboter und lauft nur euren Befehlen nach. Soviel Mut, Zusammenhalt, Emotionen und Kreativität obwohl der Staat mit all seiner Macht zugeschlagen hat. Vielleicht auch gerade deswegen.

Obwohl es also auch durchaus viele ermutigende Handlungen gab, war die Räumung alles in allem eine unglaubliche Belastung, ein enormer Stress. Einige wurden dadurch schwer traumatisiert und kämpfen immer noch mit der Aufarbeitung dieser schrecklichen Ereignisse. Es ist kein Zufall, dass Sonne während der Räumung gestorben ist. Es ist auch kein Zufall, dass die Polizei in der Nähe war als Sonne gefallen ist, sie wollten diesen Ort als nächstes räumen. Er wurde durch die Extrembelastung ermordet!

An dem Tatort legten Aktivist*innen zunächst eine Schweigeminute ein. Als in der Folge dessen manche auch ihrer Wut Ausdruck verleihen wollten, wurde ihnen dies von den anderen untersagt. Das wäre nicht im Sinne von Sonne gewesen. Das sind zynischerweise die selben Leute, die meinen, mensch dürfe den Tod von Sonne nicht „instrumentalisieren“. Das sind ekelige Manipulationen, die militante Handlungen unterbinden sollen. Dabei sind diese genauso gerechtfertigt wie die Schweigeminute und die Trauer!

Genausogut hätte es auch mich treffen können. Auch, wenn der Staat und der RWE danach beteuerten wie schrecklich Leid ihnen das tut, haben sie doch an ihrem Verhalten überhaupt nichts verändert. Im Gegenteil haben sie durch ihre Krokodilstränen wieder einmal mehr von ihrer eigenen Beteiligung am Tode Sonne‘s abgelenkt und die Verantwortung einmal mehr auf die Besetzung abgewälzt. So forderten sie die Besetzer*innen auf, die Baumhäuser zu verlassen, damit bei der Räumung nichts mehr schiefgehe. Das macht mich rasend vor Wut.

Dann die Trauer. Wow, einen Tag nach dem Tod von Sonne erlaubte uns die Polizei zu trauern. Das hieß, das alle die zu dem Tatort hingehen wollten durch ein Spalier laufen durften, um dann unter staatlicher Aufsicht zu trauern. Wie gnädig! Nach diesem Tag ging die Räumung weiter, als ob nichts passiert wäre!! Solche ignoranten Idioten. Die juckt‘s überhaupt nicht, dass dort jemand gestorben ist. Das sie Sonne umgebracht haben. Sie haben nur Angst davor, dass wir deswegen wütend werden. Deswegen behaupteten sie auch erst, dass sie gar nicht in der Nähe gewesen wären als Sonne von der Hängebrücke gefallen ist. Sie wissen, das es an anderen Orten, an denen Menschen ermordet wurden, die Staatsmacht tagelangen riots ausgesetzt waren. Darauf haben sie keine Lust. Deswegen die Krokodilstränen.

Mit Sonne haben sie einen Menschen ermordet der mit seiner kritischen Berichterstattung wichtige Arbeit geleistet hat. Er legte den Finger in die Wunde und brachte den Nebel, der sich über den gewalttätigen Alltag des Staates legt ein wenig zum verdunsten. So wie die Sonne Nebel zum verdunsten bringt. Sonne ist in und für den Kampf gestorben. Das dürfen wir nie vergessen. Es liegt an uns dafür zu sorgen, dass sein Tod nicht umsonst war.

Ich rufe zu einer dezentralen, vielfältigen Erinnerungskultur auf! Redet mit eurem Umfeld darüber, macht Flyer/Plakate und verteilt sie … seid kreativ. Lasst euch von Keinem vorschreiben, wie ihr u fühlen habt und wie ihr dem Ausdruck geben wollt!

Sonne, wir vergessen dich und auch all die anderen die ermordet wurden nicht! Ihr fehlt uns, aber in unseren Herzen und unseren Kämpfen werdet ihr immer bei uns sein.


1 Antwort auf „Wie der Staat mordet“


  1. 1 Aufrechter 26. September 2019 um 13:20 Uhr

    Selten so einen Bullshit gelesen. Von dir werden nur Behauptungen aufgestellt und keine Belege gebracht.
    Sinnloser Text, der nur polemisiert.

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