Down with kitchen slavery

Endlich haben wir neue Sticker, denn unsere alten haben sich dem Ende zugeneigt. Wir haben uns entschieden, einen feministischen Sticker zu machen. „In der Debatte über Feminismus ist genug Tinte geflossen. Jetzt ist sie nahezu abgeschlossen: reden wir nicht mehr darüber. Es wird aber doch weiter darüber geredet, und es sieht nicht so aus, als hätte die in den letzten hundert Jahren produzierte Flut von Sottisen das Problem geklärt. Gibt es überhaupt ein Problem? Und worin besteht es?“¹
Tatsächlich gibt es ein Problem und einen Ausschnitt dessen greift der Sticker und der Folgende Text an.

Das Geschlechterklischee über die Weiblichkeit ist, dass sich diese unter anderem in Form von Schwäche, Emotionalität und Irrationalismus ausdrücke. Dagegen seien Männer genau das Gegenteil: rational, stark und mutig. Zudem wird Naturbeherrschung als Fortschritt und Verwirklichung des Menschen, gestalten, als männliches Feld angesehen, während die Frau stets „das Ursprüngliche“ verkörpert: „Mutter Natur“. Das führt zu einer Abwertung der Reproduktionsarbeit. Im Kapitalismus ist entsprechend der Zweiteilung des Geschlechter die Arbeit Zweigeteilt:
In produktiv und reproduktiv, in öffentlich und privat. Die produktiven Bereiche, in denen das „rationale und starke Wesen“ vonnöten ist, um die Technik zu verstehen und zu organisieren, grenzt sich vom reproduktiven Bereich ab. Die Arbeitskraft, unsere Fähigkeit zur Lohnarbeit, ist nicht einfach gegeben. Da sie tagtäglich verausgabt wird, bedarf sie der beständigen (Re-)Produktion. Für diese sind – für die Kindererziehung und die Pflege der Alten – die als weiblich bezeichneten Attribute Empathie und Emotionalität erforderlich. Für die Reproduktion der Arbeitskraft bleibt die unbezahlte Hausarbeit von Frauen* unentbehrlich: Essen kochen, Wäsche waschen und Sex. Die Frau* hat für den Mann* da zu sein, hat einen Raum zu schaffen, in dem empfunden und ausgelebt werden kann, was dem entsinnlichten Gesellschaftswesen in der Öffentlichkeit verwehrt bleibt: Gefühle und liebevolle Zuwendung in der bürgerlichen Kleinfamilie. Sie hat dafür zu sorgen, dass der Mann am nächsten Tag und in der nächsten Woche wieder gut erholt arbeiten gehen kann. Diese Form der Arbeit ist allerdings nicht bezahlt, (weil sie außerhalb der unmittelbaren Produktionssphäre liegt beziehungsweise lag). Sie entspricht also nicht der Lohnarbeit, welche sich schließlich durch – so die Auffassung – ihren produktiven Charakter und die Produktion von Mehrwert auszeichnet, während die weibliche* Arbeit nur indirekt zur Schaffung des Mehrwerts beiträgt.
Steigt nun die Frau* in das Berufsleben ein, ergeben sich mehrere Probleme:
- Sie sei bloß Dazuverdienerin*, möchte das Einkommen aufstocken und bekommt in der Folge weniger Lohn.
- Sie sei schwächer und weniger rational. Deswegen gibt es weniger Lohn. Zudem stehen ihr nicht die selben Bereiche zu, wie den Männern*. Dazu zählen die Naturwissenschaften und Ingenieurberufe, wie generell Führungspositionen – auch in der Politik. Das wird auch dadurch begünstigt, dass diese Aufgaben oft nicht dem Selbstbild entsprechen, welches von der Gesellschaft übernommenen oder aufgeprägten Geschlechtermerkmalen abhängt.
- Die Hausarbeit wird trotz Berufstätigkeit meistens weiterhin von der Frau* erledigt, wodurch sich eine Doppelbelastung ergibt. Teilweise wird das Übernehmen der Häuslichen Arbeit durch Frauen* verschleiert, indem behauptet wird sie* mache es gerne oder nebenbei, wobei Arbeiten des Mannes* betont werden.⁴
- Zusätzlich zu den Arbeiten, die von weiblichen* Personen verrichtet werden, wird von diesen in der Regel noch abverlangt, dass sie am Arbeitsplatz die emotionale Arbeit übernehmen, immer gute Laune haben, sich in alle hineinversetzen können und auch hin und wieder einen Streit schlichten. Diese emotionale Belastung ist eine Form von Arbeit, die nicht als solche anerkannt und entlohnt wird.⁵
- Frauen*, die in den Arbeitsmarkt einsteigen, werden als Konkurrentinnen* angesehen, wodurch Sexismus verschärft zunimmt. Auch infolge ihrer geringeren Löhne und dem höheren Angebot an Arbeitskräften, sinken in manchen Bereichen die Entgelte. Die Reaktion darauf ist reaktionär: Sexismus.
- Es erschließen sich neue Bereiche, in denen die ursprüngliche Akkumulation nun beginnt. Dadurch, dass eine große Zahl an Frauen* nun nicht mehr selber die komplette Pflege und Betreuung übernehmen können (weil sie berufstätig sind) werden diese zu Ware, mit welcher man Geld verdienen kann. Diese neuen Bereiche erfordern auch Arbeitsplätze. Doch da diese Arbeiten weiterhin als weiblich und reproduktiv wahrgenommen werden, sind es vor allem weibliche* Beschäftigte, die dort tätig sind und sehr schlechte Arbeitsbedingungen hinnehmen müssen. Da eine „echte Frau“ auch nicht „meckert“ und in der „Hingebung zur Umsorgen von Kindern, Alten und Kranken aufgeht“, wird durch gesellschaftlichen Druck und (erzwungene) Anpassung an die Rollenbilder ein politischer oder gewerkschaftlicher Kampf unterbunden oder zumindest erschwert.
Frauen* müssen sich also nicht nur mit der schlechten Bezahlung beschäftigen, wie sie auch in männlich geprägten Berufsbildern in Erscheinung treten kann, sondern auch mit den sexistischen Mechanismen, die zu den Ursachen gehören, wie die oben beschriebene Abwertung von Reproduktionsarbeit. Während Männer* also ihren Arbeitskampf schon führen können, ist ihnen die Bürde auferlegt, sich mit weiteren Diskriminierungformen auseinanderzusetzen.

Die Arbeit die unentlohnt verrichtet wird, bezeichnen wir in unserem Sticker – wenn vielleicht nicht unbedingt analytisch richtig, so doch treffend überspitzt – als „kitchen slavery“, als Sklaverei. Diese ist durch den Staat institutionalisiert. In diesem Zusammenhang ist die Ehe als Gewaltverhältnis zu sehen: Materielle Sicherheit gegen Liebe und Sex und ewiger Kampf um Selbstbestimmung über die Familienplanung. Die Mehrwertbildung wird außerdem ermöglicht durch individuelle Ausbeutung der individuellen Frau* durch den individuellen Mann.
Wir wollen diese Tätigkeiten sichtbar machen und auf die ungleiche Bezahlung⁶ hinweisen, welche so nicht länger hinnehmbar ist. Doch wollen wir nicht bloß einen Teil oder eine Folge der Geschlechterzuschreibung bekämpfen und beseitigen, sondern Geschlecht und Geschlechtsidentität ausdifferenzieren und die Ausdifferenzierung bis zur Auflösung weitertreiben. Für uns ist Geschlecht nicht natürlich und natürlich nicht binär. Sexismus ist nicht natürlich und auch nicht unüberwindbar. Down with kitchen slavery! Allerdings ist dies im Kapitalismus nicht ohne weiteres möglich, da dieser zur Reproduktion der Geschlechter beiträgt. Die Keimzelle der bürgerlichen Gesellschaft ist die bürgerliche Kleinfamilie, in welcher das Kind herangezogen und erzogen, und die Arbeitskraft (des Mannes*) reproduziert wird.
Deswegen sind wir der Meinung, dass sich der feministische Kampf auch mit anderen Kämpfen vereinen muss, da es nicht den reinen Sexismus gibt, wie wir unten versucht haben darzulegen. So schaffte es der Kapitalismus beispielsweise bisher, sich Umsetzungen einzelner feministischer Forderungen einzuverleiben und nutzbar zu machen. Dazu gehört auch die Möglichkeit, an der Lohnarbeit teilzunehmen, welche die Lage der Frauen* nicht nur verbesserte. Auf der einen Seite gibt es nun eine Doppelbelastung, auf der anderen Seite hat sie* aber auch die Möglichkeit finanziell unabhängig zu sein und ihr* eigenes Geld zu verwalten. Zudem ermöglicht nur eine Betrachtung verschiedenster Unterdrückungsformen, dass sich dieses Geflecht entwirren und beseitigen lässt. Eine Hierarchisierung würde dabei die Erfahrungen der Betroffenen unberücksichtigt lassen, auf unterschiedliche Art und Weise an den verschiedenen Formen leiden.

Zuletzt möchten wir auf die „linke Szene“ zu sprechen kommen. In links-alternativen Räumen findet Sexismus statt und wird dabei unsichtbar gemacht. In Bezug auf den Sticker wird hier das Kochen für die KüFa (Küche für alle), das Korrigieren von Texten und Schlichten von Streitereien nicht als „wertvolle politische Arbeit“ betrachtet und bleibt oftmals wie selbstverständlich an Frauen* hängen. Darüber hinaus sind sie durch gesellschaftliche Machtverhältnisse gezwungen, sich theoretisch und praktisch mit Sexismus auseinanderzusetzen, während dies für Männer optional ist und sie sich in der selben Zeit der „ernsten Theorie“ hingeben oder gar ohne das zu tun der „wirklichen Praxis“ zuwenden können. Auch müssen sich weibliche* Personen erst einmal Gehör verschaffen, ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen und eine Beschäftigung mit dem Thema Sexismus und die Reflexion der Verhaltensweisen in ihrer Gruppe erzwingen. Dabei sind sie dann häufig die überempfindlichen, nervigen Feministinnen, während männliche Feministen häufig ein Schulterklopfen von allen Seiten erhalten. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass die erstgenannten die Machtverhältnisse (der Gruppe) angreifen und verschieben, während das bei den zweitgenannten nicht immer der Fall ist.
Darüber hinaus müssen sich Frauen* auch mit Übergriffen in linken Räumen beschäftigen, da sie diese erleben oder eher mitbekommen. Sie sind dann gezwungen, sich einen richtigen Umgang und die Definitionsmacht zu erkämpfen, da ihnen diese häufig abgesprochen wird. Zudem müssen sie befürchten Repression aus der Gruppe zu erfahren, wenn Täter gedeckt werden, eine Offenlegung verhindert oder die Vorfälle relativiert werden.⁸
Um all diese Nachteile zu beseitigen ist es unabdingbar, dass sich Männer (all jene, die als solche gelesen werden und sozialisiert wurden) mit Feministischer Theorie auseinandersetzen und ihr Verhalten reflektieren. Sie müssen mehr Sensibilität gegenüber sexistischen Praktiken erlernen und sich offen gegen diese stellen. Vor allem ist es wichtig, dass sie den Frauen* den Rücken stärken, die sich gegen Sexismus stellen. Wie in der Einleitung behauptet, gibt es also ein Problem; lasst uns dagegen angehen! ⁷

*Exkurs zu Intersektionalismus: Wir sind der Meinung, dass es Frauen als einheitliche und natürliche Kategorie mit einer einheitlicher Erfahrungswelt und vor allem mit einer einheitlichen Form der Sexistischen Unterdrückung nicht gibt. Die Behauptung einer Existenz von ‚der Frau‘ ist lediglich „ein Umkehr-Diskurs, der unkritisch die Strategie des Unterdrückers nachahmt, statt eine andere Begrifflichkeit bereitzustellen.“ Dabei gibt es eine Reihe weiterer Unterdrückungsmechanismen, wie die Rassen-, Klassen- und heterosexistische Unterdrückung, um nur einige zu nennen.
Diese Aufzählung lässt aber die falsche Annahme entstehen, dass diese Unterdrückungsmechamismen nebeneinander stehen, ohne sich zu überschneiden. Das ist allerdings genauso falsch, wie die Annahme, dass sich diese verschiedenen Formen entlang einer vertikalen Achse anordnen lassen, „weil sich die verschiedenen Formen der Unterdrückung nicht kurzerhand hierarchisch anordnen, kausal verknüpfen oder auf verschiedene Ebenen des >>Ursprünglichen< < und des >>Abgeleiteten<< aufteilen lassen.“ Vielmehr besteht zwischen den verschiedenen Formen der Macht Wechselbeziehungen, Arten der Aneignung und Ausnutzung, sowie ein gegenseitiges Stützen und verstärken. So können Kapitalisten im Bereich des Gesundheitswesens Frauen* (also Personen, die als solche von der Gesellschaft wahrgenommen und markiert werden) wesentlich weniger Lohn bezahlen, da zum Beispiel die Pflege als weibliche Aufgabe, bloß als Reproduktion angesehen wird.²

Exkurs über Natürlichkeit: Trotzdem reden wir von Sexismus als einer Unterdrückungsform, welche als weiblich identifizierten Individuen eine schlechtere Position in der Gesellschaft zuschreibt. Diese verschiedenen Individuen bezeichnen wir als Frauen* (mit diesem schönen Sternchen) um auf zweierlei aufmerksam zu machen: Es gibt nicht „die Frau“, sondern eine Reihe verschiedener Merkmale, die einer Person zugeschrieben werden, welche zu verschiedenen Diskriminierungen führen und eine unterschiedliche Wahrnehmungswelt dieser Personen prägen.
Außerdem wird behauptet es gebe ganz natürlich zweierlei Geschlechter, Mann und Frau, die durch ein Begehren verbunden sind, welches das Heterosexuelle ist. Diese Argumentation klammert jedoch Homo-, Bi-, Trans-, Inter-, Asexualität, sowie Personen, die sich nicht fest einem Geschlecht zuordnen wollen oder können, ihr Geschlecht wechseln oder sich zwischen oder außerhalb von den Kategorien männlich und weiblich sehen aus oder stempelt diese Erscheinungen als krankhafte Abweichung ab. Abweichungen von der Norm sind es allemal, jedoch keine krankhaften. Da sie die Norm, den Phallogozentrismus erschüttern werden sie diskriminiert, ausgeschlossen und zum Teil verfolgt. Und nur daraus entsteht der Leidensdruck, sowie eine höhere Suizidrate, nicht daraus, dass diese Erscheinungen eine „Entartung“ seien. Das zeigt jedoch, dass der Rahmen des „Natürlichen“ dehnbar und erschütterbar ist und sich schließlich die Behauptung es gäbe (nur) Mann und Frau als natürliches Geschlecht nicht mehr halten lässt.
Darauf wollen wir hinaus, dass es eben nicht diese natürliche Frau gibt; „[m]an ist nicht als Frau geboren, man wird es.“³ Man wird dazu gemacht, durch Erziehung und Kultur, es wird einem ein Geschlecht zugeschrieben und durch die Sprache vermittelt gibt es bloß eine gesellschaftliche Erfahrung von diesen zwei Geschlechtern. Der Zweite Zusammenhang, auf welchen wir mit dem Stern verweisen ist also, dass wir all jene meinen, die als Frauen gelesen werden und/oder sich als solche wahrnehmen.

¹ Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht; Einleitung
² vgl. Judith Butler: Das Unbehagen der Geschlechter; Sie Subjekte von Geschlecht/ Geschlechtsidentität/ Begehren
³ Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht;Werdegang, I Kindheit
⁴ http://kollektiv26.blogsport.de/2018/03/14/unterschiedliche-sauberkeitsstandards/
⁵ https://www.zeit.de/arbeit/2017-12/sexismus-emotional-labour-freundlichkeit-frauen
⁶ https://faktenfinder.tagesschau.de/inland/genderpaygap-103.html
⁷ Vertiefend dazu möchten wir den Text „Sexismus und ‚linke Szene‘“
vom Autonomen Frauenreferat Uni Köln empfehlen: http://frauenreferatkoeln.blogsport.de/images/sexismusundlinkeszene.pdf
⁸ Zum Thema Definitionsmacht und Umgang mit Übergriffen: „Antisexismus_reloaded“ vom Urast Verlag


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