Archiv für Januar 2018

Absolution statt Revolution

Die #metoo-Debatte hat den Diskurs um sexualisierte Gewalt verändert – doch das reicht nicht aus

Von Hannah Schultes und Bahar Sheikh

Worum geht es bei dem Hashtag metoo? Die Antwort auf diese Frage lautete in der medialen Debatte oft: Sichtbarkeit und Empathie. Empathie, weil es Betroffenen von sexualisierter Gewalt gegenüber an Verständnis und Einfühlungsvermögen mangele. Und Sichtbarkeit, weil diese – Belästigung, Übergriffe, Vergewaltigung – eben sonst kaum wahrgenommen würden.

Feministinnen wandten dagegen ein, für Frauen sei die Gewalt sehr wohl sichtbar, da sie diese selbst erlebten und untereinander darüber redeten. Männer seien hingegen »überrascht«, das Ausmaß der Erfahrungen von Frauen mit sexueller Belästigung und Übergriffen wäre ihnen bisher also verborgen geblieben. Aber zu einer bestimmten Anzahl an Erfahrungen von Frauen mit sexueller Belästigung, Übergriffen und Vergewaltigung durch Männer gehört auch eine entsprechende Anzahl von Männern, die diese ausüben.

Fast scheint es wieder so, als ginge es bei sexualisierten Übergriffen und sexualisierter Gewalt um eine kleine, überschaubare Gruppe »schlechter Männer«. Denn wie sonst könnten so viele von ihnen in erster Linie überrascht statt beschämt sein?

Die millionenfachen #metoo-Postings haben den Diskurs verändert und das Tabu rund um sexualisierte Übergriffe und Gewalt – zumindest für ein paar Wochen und in der medialen Öffentlichkeit – gebrochen. Wenn klar wird, dass diese Erfahrungen alltäglich sind, heißt das aber noch lange nicht, dass es »normal« ist, dass Frauen belästigt, missbraucht, vergewaltigt werden. Die Veränderung des Diskurses bleibt folgenlos, wenn die Sichtbarkeit von sexualisierter Gewalt nicht mit der Ansage verbunden wird, diese in Zukunft nicht mehr zu akzeptieren.
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Zehnfach verkehrt

Kürzlich schrieb der Inhaber des Lehrstuhls für ausländisches und europäisches Privat- und Verfahrensrecht an der Universität Leipzig, Thomas Rauscher, im Internet: „Wir schulden den Afrikanern und Arabern nichts. Sie haben ihre Kontinente durch Korruption, Schlendrian, ungehemmte Vermehrung und Stammes- und Religionskriege zerstört und nehmen uns nun weg, was wir mit Fleiß aufgebaut haben.“

Die Denkweise, von der diese Aussage zeugt, ist weitverbreitet. In den folgenden zehn Anmerkungen hierzu ist von „Afrika“, „armen“ und „reichen Ländern“ die Rede, was Generalisierungen sind, die nicht die Differenz zwischen den und innerhalb der einzelnen Staaten Afrikas widerspiegeln.

1
Individualisierung
Rauschers Einlassung ist eine Variante der Selbst-schuld-/Selbst-verdient-Hypothese. Nach ihr sind ökonomischer Erfolg und Misserfolg Resultat von Fähigkeiten und Anstrengungen der Individuen nach dem Muster: Jeder ist seines Glückes Schmied. Das Argumentationsmuster dient vor allem zur Erklärung wirtschaftlicher Missstände: Durch die sogenannte Flüchtlingskrise geraten die faulen Afrikaner ins Visier, während der Euro-Krise waren es die faulen Griechen. Es kann auch Inländer treffen: Als nach der Wiedervereinigung im Osten keine blühenden Landschaften entstanden, wurde auf die „faulen Ossis“ verwiesen. Als die Arbeitslosenzahlen in Deutschland stiegen, warnte Bundeskanzler Gerhard Schröder: „Es gibt kein Recht auf Faulheit“ und bereitete so ideologisch Agenda 2010 und Hartz-Reformen vor.

2
Rassismus
Die Selbst-schuld-Hypothese basiert auf einer Form von Rassismus: dem Leistungsrassismus. Denn sie erklärt die Ergebnisse der Konkurrenz um Einkommen mit Eigenschaften und Eigenarten von Individuen und Kollektiven: Faulen Griechen stehen tüchtige Deutsche, fleißige Chinesen und erfinderische Amerikaner gegenüber. „Während die Tüchtigen aufsteigen, werden in einer arbeitsorientierten Leistungsgesellschaft nach ‚unten‘ vor allem jene abgegeben, die weniger tüchtig, weniger robust oder ganz schlicht ein bisschen dümmer und fauler sind“, schrieb 2010 Thilo Sarrazin (SPD). Ein hohes Einkommen wiederum belegt in dieser Logik herausragende Eigenschaften wie Leistungsbereitschaft oder Talent. Diese Ansicht ist verbreitet: Beruflich erfolgreiche Menschen sind stolz auf das Erreichte, also auf sich. Andere wiederum schämen sich ihres beruflichen Misserfolgs, da er ihre Leistungsschwäche zu belegen scheint. Das ist sozial befriedend – wer sich selbst und anderen die Schuld gibt, hat am herrschenden System nichts auszusetzen.

Vollständiger Text auf: https://www.freitag.de/